Nahrungsergänzungsmittel – genial oder gefährlich?

Nahrungsergänzungsmittel versprechen uns Gesundheit und Wohlbefinden. Aber sind sie wirklich sinnvoll, oder ist das Geld an anderer Stelle besser investiert?

Liebe Leserinnen und Leser,

Nahrungsergänzungsmittel sind ja ein riesiges und kontrovers diskutiertes Thema und eben auch ein Multimilliarden-Geschäft für die Industrie. 

In diesem Video besprechen wir, ob wir Nahrungsergänzungsmittel wirklich brauchen oder ob wir uns das viele Geld für diese Pillen und Pülverchen lieber sparen sollten. Können Nahrungsergänzungsmittel am Ende vielleicht sogar zu einer Gefahr für unsere Gesundheit werden?

Der allgemein akzeptierte Tenor in Bezug auf Nahrungsergänzungsmittel, der auch vom Bundesinstitut für Risikobewertung unterstützt wird, ist ja zunächst einmal: Wer sich gesund und ausgewogen ernährt, der braucht sie nichtDiese Aussage halte ich so erst einmal auch für richtig. 

Ok, damit könnten wir also an dieser Stelle aufhören, oder?

Leider nein, denn wie so oft im Leben sind die Dinge bei genauerem Hinsehen leider doch etwas komplexer.

Erstens gibt es natürlich eine Vielzahl von unterschiedlichsten Nahrungsergänzungsmitteln mit verschiedenen Einsatzorten, Wirkweisen und Funktionen, die man natürlich nicht einfach so alle über einen Kamm scheren kann. Womit wir natürlich auch schon gleich bei der Frage sind: Worüber reden wir hier eigentlich, was genau sind denn eigentlich alles Nahrungsergänzungsmittel? 

Laut Definition darf ein Nahrungsergänzungsmittel keinen therapeutischen Nutzen erfüllen, d.h. kein Arzneimittel sein und damit also per se keine Krankheit lindern oder heilen, es darf aber die Nahrung ergänzen. Zu den Nahrungsergänzungsmitteln zählen z.B. Vitamine, Mineralstoffe wie z.B. Magnesium, Antioxidantien, pflanzliche Hormone, Coenzym Q10, Kreatin oder auch Fettsäuren wie z.B. aus den viel diskutierten Fischölkapseln. 

Zweitens gibt es natürlich auch nicht „die eine“ gesunde und ausgewogene Ernährung, die gleichermaßen für jeden passt. Man muss hier immer den individuellen Menschen in seiner Lebenssituation im Blick behalten. 

Und zu diesen besonderen Lebenssituationen, die ggf. einen speziellen, bzw. erhöhten Nährstoffbedarf erfordern, können z.B. bestimmte Erkrankungen gehören, daneben v.a. die Schwangerschaft aber auch intensiv betriebener LeistungssportDauerstressusw. Diese besonderen Situationen können einen speziellen Nährstoffbedarf erfordern, bei dem die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln durchaus Sinn machen kann. 

Befürworter von Nahrungsergänzungsmitteln argumentieren ja, dass sich die meisten Menschen in unserer heutigen „modernen“ Lebenswelt aus Fast Food und Supermärkten nicht wirklich gesund ernähren. Tatsächlich zeigt ein Ernährungsbericht nach dem anderen, dass die täglich empfohlene Aufnahme von z.B. Gemüse und Obst von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung bei weitem nicht erreicht wird und somit eine Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen logisch erscheint. 

Aber: Die vermeintliche Konsequenz daraus, nämlich zu sagen: „Ok, dann führe ich mir vermeintlich kritische Nahrungsbestandteile in Form von Tabletten und Pülverchen zu“, die ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen problematisch:

Erstens glaube ich nicht, dass man die vielfältigen gesundheitsförderlichen Effekte einer gesunden Ernährung durch die Zufuhr einzelner Nahrungsergänzungsmittel wirklich ausgleichen kann. Diese gesamte Denkweise ist ja schon von der falschen Seite aufgezogen. Denn wir wollen ja primär eigentlich nicht Defizite oder Symptome einer Fehlernährung bekämpfen, sondern möglichst deren Ursachen beseitigen. 

Das ganze erinnert mich etwas an viele Patienten nach einem Herzinfarkt, die schön weiter rauchen in der Hoffnung, dass die paar Herztabletten, die sie nun einnehmen, schon alles richten werden. Das funktioniert natürlich nicht!

Zweitens ist es eben nicht das gleiche ob man z.B. ein Vitamin in seinem natürlichen Verbund, also z.B. in Form von Gemüse und Obst zu sich nimmt oder hochkonzentriert in eine Pille gepresst. Denn viele dieser Stoffe (Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe) wirken im „natürlichen Konzert“ mit anderen Stoffen in entsprechender ausgewogener Konzentration. Für Obst und Gemüse gibt es ganz klare Belege für positive Wirkungen in Bezug auf Sterblichkeit und Herz-Kreislauferkrankungen. Wenn man diese vermeintlich schützenden Substanzen wie z.B. Antioxidantien, Vitamine und Mineralien jedoch aus ihrem natürlichen Verbund isoliert, können sie sogar negative Auswirkungen haben: Beta-Carotin, Vitamin A, und das schon genannte Vitamin E sollen künstlich zugeführt die Sterblichkeit tatsächlich erhöhen! 

Daneben besteht natürlich grundsätzlich immer auch die Gefahr einer Verunreinigung bzw. einer Kontamination mit bestimmten Schadstoffen, speziell bei Nahrungsergänzungsmitteln von ausländischen Herstellern bzw. zweifelhafter Herkunft der über das Internet bestellten „Mittelchen“, sodass eine Gefährdung durch Pestizide, Schwermetalle, illegale Substanzen, natürliche Giftstoffe, krebserregende Stoffe oder auch Bakterien nicht ausgeschlossen werden kann. Andere eingesetzte Substanzen wie z.B. exotische Pflanzen oder Pflanzenextrakte sind oftmals, zumindest nach unseren hier üblichen deutschen Kriterien, noch nicht ausreichend gut untersucht, und es ist unklar, ob sie auf lange Sicht toxisch wirken können. 

Fakt ist also, dass die gesundheitsförderliche Wirkung einer pflanzlich basierten Ernährung mit viel Gemüse und Obst in vielen Studien bestens gesichert ist und daher auch unisono empfohlen wird, dass dies aber für Nahrungsergänzungsmittel eben nicht so eindeutig gesagt werden kann, und dass eine unkritische Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ohne medizinische Kontrolle tatsächlich nicht nur unsinnig, sondern auch gefährlich sein kann.

Grundsätzlich denke ich also, dass man für die besten Gesundheitseffekte nicht an einer gesunden, pflanzlich betonten Ernährung vorbeikommt, und dass der Ansatz eben nicht primär sein sollte: „Ich ernähre mich schlecht und versuche dies nun mit Nahrungsergänzungsmitteln auszugleichen“. 

Wann könnten Nahrungsergänzungsmittels aber vielleicht doch empfehlenswert sein?

Wie eingangs schon erwähnt, gibt es bestimmte Lebenssituationen, in denen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein können.

Am besten akzeptiert sind Nahrungsergänzungsmittel wohl in der Schwangerschaft: Hier kann eine Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen, insbesondere der Folsäure für das Ungeborene kritisch sein, sodass hier die Nahrungsergänzung mit Folsäure empfohlen wird und sicher sinnvoll ist.

Auch bei bestimmten Ernährungsweisen, allen voran bei streng veganer Ernährung, sind bestimmte Nahrungsergänzungsmittel wie z.B. Vitamin B12, meistens aber auch Jod und die Omega-3-Fettsäuren DHA und EPA erforderlich.  

Ob und welche Nahrungsergänzungsmittel Sie ggf. in speziellen Lebenssituationen einnehmen können oder sollten, das sollten Sie am besten im Rahmen einer Untersuchung bei Ihrem Arzt und einer Ernährungsberatung gezielt besprechen, denn natürlich kann nur dann, ggf. auch nach einer Blutuntersuchung, eine sinnvolle für Sie passende Empfehlung gegeben werden.

Das gilt insbesondere auch, wenn Sie bestimmte Erkrankungen haben. Gerade bei der koronaren Herzkrankheit wird ja z.B. immer wieder die Gabe von Fischölkapseln mit den darin enthaltenen Omega-3-Fettsäuren diskutiert, hierzu gibt es interessante neue, teils widersprüchliche Studiendaten. Wenn Sie wissen wollen, wie hier der aktuelle Stand ist, dann schauen Sie gern in mein Fischöl-Video.

Also, liebe Leserinnen und Leser, 

aus meiner Sicht ergibt sich folgende Take-Home-Message:

Im Vordergrund steht mal wieder der gesunde Lebensstil mit einer pflanzlich betonten, am besten selbst zubereiteten, frischen Ernährung. In den allermeisten Fällen wird also das Geld hier in frischen, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln besser angelegt sein als in teils ominösen Nahrungsergänzungsmitteln.

In bestimmten Lebenssituationen wie Schwangerschaft oder veganer Ernährung ist die zusätzliche Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel zusätzlich, nicht alternativ zu einer ausgewogenen Ernährung nach ärztlicher Rücksprache und ggf. bestimmter Untersuchungen aber durchaus sinnvoll.

Also, wie so oft im Leben lohnt es sich die Dinge etwas genauer und differenzierter zu betrachten.

Liebe Leserinnen und Leser,

wie halten Sie es mit Nahrungsergänzungsmitteln?

Danken möchte ich v.a. auch meiner Kollegin Linda Weißer, die diesen Beitrag recherchiert hat. Schauen Sie unbedingt mal auf ihrem Ernährungsblog alimonia.net vorbei!

Wenn Sie jemanden kennen da draußen, den das Thema auch interessieren könnte, dann vergessen Sie bitte nicht diese Seite zu teilen!

Bis dahin, bleiben Sie schön gesund,

Ihr Dr. Heart

Quellen

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