Gibt es eine Coronavirus-Gefahr durch Blutdruckmedikamente?

Von Dr. Stefan Waller, Internist und Kardiologe
Stefan Waller ist seit mehreren Jahren praktizierender Internist und Kardiologe und hat sich aus Leidenschaft der Vermittlung komplexer medizinischer Sachverhalte in möglichst einfacher und verständlicher Sprache gewidmet.

Erfahren Sie mehr über Dr. Heart
und sein Dr. Heart Projekt.
und Linda Weißer, Ärztin und Ernährungsberaterin
Linda Weißer ist approbierte Ärztin und leidenschaftliche Ernährungsberaterin, letzteres offline und online über ihren Blog alimonia.net.
Daneben ist Sie über die Charité Berlin angestellt als chief medical researcher für PAN, die "physicians' association for nutrition".

Corona & Herzerkrankungen: Alle Informationen die Sie nun wissen sollten!

Liebe Leserinnen und Leser,

Das neuartige Coronavirus (SARS-COV-2) scheint nach den Erfahrungen, die wir bislang sammeln konnten v.a. für Menschen mit chronischen, also dauerhaften Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefährlich zu sein. Daneben kursieren im Netz beunruhigende Spekulationen darüber ob bestimmte Blutdrucksenker anfälliger für eine Coronavirus-Infektionen machen könnten.

Nach unseren bisherigen Erfahrungen leiden ca. 40% der Patienten, die aufgrund der neuartigen Coronavirusinfektion in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, an Herz-Kreislauferkrankungen.

Herzpatienten sind also eher durch einen schweren und komplikationsreichen Verlauf der Coronavirusinfektion gefährdet, unklar ist allerdings aktuell welche Mechanismen in welchem Ausmaß dafür verantwortlich sind.

Grundsätzlich stellen natürlich bakterielle oder virale Infektionen eine zusätzliche Belastung für unser Herz-Kreislauf-System dar. Leidet man bereits an einer Herzerkrankung, dann kann diese Kreislaufmehrbelastung ein bereits geschwächtes Herz überfordern und zu einer Dekompensation unseres Herz-Kreislaufsystems führen. Das ist wahrscheinlich auch der wichtigste Grund warum Herzpatienten überproportional häufig schwerere Verläufe der COVID-19-Erkrankung zeigen die dann eine Betreuung auf der Intensivstation notwendig machen können.

Daneben ist auch bekannt, dass Infektionen in unserem Körper über eine Aktivierung entzündlicher Prozesse auch zu einer Destabilisierung unserer Plaques, also der arteriosklerotischen Ablagerungen in unseren Arterien, führen können. Das wiederum kann dann zu einem Aufreissen dieser Plaques mit nachfolgendem komplettem Verschluss einer Herzkranzarterie und resultierendem Herzinfarkt führen.

Daneben besteht auch die Möglichkeit eines direkten Virusbefall des Herzgewebes mit Ausbildung einer Herzmuskelentzündung, einer sog. Myokarditis.

Daneben verunsichert jetzt eine aktuelle Spekulation viele Patienten: Bestimmte Blutdrucksenker könnten anfälliger für eine Coronavirus-Infektionen machen. Hintergrund ist, dass das neue Coronavirus zum Eintritt in die Zellen einen Eiweißstoff, ein Enzym namens ACE2 nutzt, quasi als Türklinke. Dieses Enzym wird v.a. von Zellen der Lunge produziert, wo es auf der Zell-Oberfläche sitzt und dort als Eintrittstür für das Virus dienen kann.

Was haben Blutdruckmedikamente mit Corona zu tun?

Bestimmte Blutdrucksenker, wie ACE-Hemmer und die sog. Sartane, blockieren das blutdruckregulierende sog. Renin-Angiotensin-Alosteronsystem und damit auch die Bildung bzw. die Effekte bestimmter Blutdruckhormone, was ja gerade den gewollten Effekt der Blutdrucksenkung bei Bluthochdruck- und Herzpatienten bewirkt.

Problematisch in Bezug auf das Coronavirus und Herzerkrankungen ist, dass die Hemmung dieses blutdruckregulierenden Renin-Angiotensin-Aldosteronsystems durch diese Blutdruckmedikamente zu einer quasi kompensatorischen Erhöhung des ACE2-Enzyms führen kann. Somit würden also „mehr Türklinken/mehr Eintrittspforten“ für das Coronavirus auf der Zelloberfäche zur Verfügung stehen was dann, so die Theorie, die Coronavirusinfektion begünstigen könnte.

Klingt erstmal beunruhigend ist aber zumindest zum heutigen Zeitpunkt, Stand 16.03.2020 noch reine Spekulation, denn: Das genannte ACE2-Enzym sitzt nicht nur als „Türklinke“ auf den Zelloberflächen, wo es als Eintrittspforte für das Virus dienen kann, sondern es wird auch in löslicher Form produziert und schwimmt dann quasi als Köder im Blut herum. Viren, die an dieses lösliche ACE2 binden werden dann unschädlich gemacht.

Aktuell wird sogar an einem Behandlungsverfahren geforscht, künstlich hergestelltes, rekombinantes humanes ACE2 in löslicher Form einzusetzen, um so das neue Coronavirus zu binden und damit vor dem Eintritt in die Zelle abzufangen.

Die Bedeutung dieser Blutdruckmedikamente für die Anfälligkeit für das neue Coronavirus ist also aktuell noch völlig unklar! Auf der anderen Seite gibt es aber sehr gute Hinweise für einen Schutz durch diese besprochenen Blutdruckmedikamente im Falle einer Lungenentzündung bzw. eines schweren Lungenversagens, dem so genannten ARDS („acute respiratory distress syndrome“), und genau dies sind ja sehr gefürchtete Komplikation des Coronavirus.

Mehrere Forschungsarbeiten konnten nämlich zeigen, dass eine Erhöhung von ACE2 und die Hemmung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems, wie sie durch die genannten Blutdruckmedikamente erreicht wird, den Verlauf des ARDS günstig beeinflussen und somit vielleicht sogar Menschenleben retten können!

Also, ich denke die entscheidende take home Message, zumindest nach aktuellem Kenntnisstand ist, dass Sie Ihre Blutdruckmedikamente auf gar keinen Fall einfach absetzen sollten, schon gar nicht ohne vorherige Abstimmung mit Ihrem Arzt. Dadurch würden Sie erst recht Kreislaufkomplikationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle riskieren! Bleiben Sie wachsam und informieren Sie sich weiter regelmäßig, denn unser Wissen über dieses für uns ja noch recht neue Virus nimmt natürlich auch mit jedem Tag zu.

Was gibt es sonst noch zu beachten wenn Sie z.B. aufgrund einer Herzerkrankung während der Corona-Krise zu einer Risikogruppe gehören

Neben den allgemeinen Hygieneregeln die Sie jetzt bestimmt schon x-mal gehört haben wie regelmäßiges und ausreichend langes Händewaschen, Vermeidung direkten Körperkontaktes und min. 2m Abstand zu anderen Personen halten, nicht ins Gesicht zu fassen und in die Armbeuge zu husten oder zu niesen sollten Sie v.a. noch einmal checken dass Sie Pneumokokken- und Influenza geimpft sind, da bei gleichzeitiger Infektion mit dem Coronavirus sehr schwere Krankheitsverläufe drohen. Fahren Sie aber nicht einfach in die Hausarztpraxis sondern erkundigen Sie sich zunächst telefonisch wo Sie wann am besten noch eine Impfung erhalten können.

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

das wichtigste ist, dass wir uns jetzt alle nicht verrückt machen lassen sondern besonnen handeln und reagieren. Gerade wenn Sie herzkrank sind oder zu einer anderweitigen Risikogruppe gehören bleiben Sie bitte zuhause und reduzieren Sie soziale Kontakt auf ein Mindestmaß, oder machen Sie es wie meine betagten Eltern, die in diesen Tagen die Vorzüge der Videotelefonie mittels facetime, Skype und Co. nutzen, um gefühlt halbstündlich mit Ihrem geliebten Enkel – meinem Sohn zu telefonieren.

Ich selber bin nach meinem Urlaub im schönen Tirol, welches ja nun auch zum Risikogebiet erklärt wurde, auch in häuslicher „Quarantäne“ und ich kann Ihnen versichern, das hat auch etwas schönes mal so ganz ungestört von der Außenwelt Zeit mit der Familie zu verbringen, die wir z.B. genutzt haben, um mal das Kinderzimmer zu verschönern …

Das wars jetzt aber von meiner Seite!

bis dahin, bleiben Sie gesund,
Ihr Dr. Heart


Erfahren Sie, wie Sie gestärkt aus der Corona Krise herausgehen können!

.

Das könnte Sie auch interessieren:

Ernährung und Übergewicht:

Adipositas und Übergewicht
Die Adipositasepidemie
Vorsicht Diät!
Adipositas – verschiedene Erscheinungsformen
Adipositas Paradoxon

Nichtrauchen:

Raucherentwöhnung – allgemeines
So klappt der Rauchstopp
Tipps für den Rauchstopp
Rauchstopp Interview Fr. Dr. Wiedemann

Sport und Aktivität:

Gesund durch Sport und Bewegung

Bluthochdruck:

Blutdruck im Griff
Hypertonus – Bedeutung und Verbreitung
Hypertonus – Ursachen und Zielwerte

Fettstoffwechsel:

Cholesterin und Co.
gutes und schlechtes Cholesterin
Cholesterin senken

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Koronare Herzkrankheit:

Zuckerkrankheit und Koronare Herzkrankheit
Diabetes-mellitus-und-Koronare-Herzkrankheit – Wechselwirkungen
Was tun bei Diabetes und Koronarer Herzkrankheit?

Psychokardiologie:

Herz und Psyche
Herz und Stress
Herz und Stress – Stressmanagement

Übersicht:

Ziele und Zielwerte
zurück zum Hauptmenü