Länger leben mit Aspirin?

Von Dr. Stefan Waller, Internist und Kardiologe
Stefan Waller ist seit mehreren Jahren praktizierender Internist und Kardiologe und hat sich aus Leidenschaft der Vermittlung komplexer medizinischer Sachverhalte in möglichst einfacher und verständlicher Sprache gewidmet.

Erfahren Sie mehr über Dr. Heart
und sein Dr. Heart Projekt.
und Linda Weißer, Ärztin und Ernährungsberaterin
Linda Weißer ist approbierte Ärztin und leidenschaftliche Ernährungsberaterin, letzteres offline und online über ihren Blog alimonia.net.
Daneben ist Sie über die Charité Berlin angestellt als chief medical researcher für PAN, die "physicians' association for nutrition".

Ist Aspirin das neue “Lebenselixier”?

Gut gegen Kopfschmerzen – das ist klar. Aber wirkt Aspirin vielleicht auch lebensverlängernd?

Liebe Leserinnen und Leser,
.
ASS, die gute alte Acetylsalicylsäure, uns allen besser als Kopfschmerztablette Aspirin bekannt, hat neben der bekannten Linderung unserer Kopfschmerzen ja noch eine Menge anderer wichtiger Wirkungen in unserem Körper. U.a. hemmt es nämlich die Funktion unserer Blutplättchen und damit auch die Ausbildung von gefährlichen Blutgerinnseln in unseren Arterien. Aus diesem Grund wird es seit langer Zeit erfolgreich eingesetzt, um bei bereits erkrankten Menschen erneute Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern. Ob uns Aspirin aber auch vor einem ersten Herzinfarkt oder einem Schlaganfall schützt, wenn wir noch gar nicht bekanntermaßen erkrankt sind und so vielleicht sogar lebensverlängernd wirken könnte, das erfahren Sie in den folgenden Zeilen!
.
Zu der Frage, ob Aspirin, also Acetylsalicylsäure, auch in der sog. Primärprävention wirksam ist, ob es also bei bestimmten Menschen auch Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern kann, die zwar bestimmte Risikofaktoren haben, aber bislang noch gar nicht erkrankt sind, gab es in der letzten Zeit ein paar große Studien, die etwas mehr Licht in diese Fragestellung gebracht haben.
.
Los geht’s mit der ARRIVE-Studie. Hier wurden über 12.000 gesunde Männer über 55 Jahre und Frauen über 60 Jahre mit Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen entweder mit ASS oder mit Placebo, also einem Scheinmedikament ohne Wirkstoff, behandelt. Nach im Mittel 60 Monaten konnte ASS in Bezug auf die Verhinderung von Komplikationen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen keinen relevanten Nutzen zeigen, erhöhte aber die Wahrscheinlichkeit von Blutungen, insbesondere aus dem Magen-Darm-Trakt, eine Komplikation, die man beim ASS aufgrund seiner Blutplättchen hemmenden Wirkung leider relativ häufig beobachtet. 
.
Profitieren vielleicht Risikopatienten wie Diabetiker vom Aspirin? Dieser Frage ist die ASCEND-Studie nachgegangen: >15.000 Diabetiker ohne Herz-Kreislauf—Vorerkrankungen wurden über im Mittel 7,4 Jahre mit ASS, also Aspirin oder Placebo, also einem Scheinmedikament, behandelt. Ereignisse wie Herzinfarkte, Schlaganfälle konnten hier tatsächlich von 9,6% in der Plazebo- auf 8,5% in der ASS-Gruppe reduziert werden. Das aber wiederum um den Preis vermehrter, schwerer Blutungen meist aus dem Magen-Darm-Trakt.
.
Und wie steht es schließlich mit dem brutalsten aller Risikofaktoren, dem Alter? Bringt ASS wenigstens alten Menschen unter’m Strich einen Netto-Nutzen? Dieser Frage wurde in der sog. ASPREE-Studie nachgegangen. Und siehe da: An >19.000 Menschen im Alter von >70 Jahren konnte 100 mg ASS keinen Nutzen belegen! Die Studie wurde nach knapp 5 Jahren abgebrochen, da ASS weder Herzinfarkte oder Schlaganfälle noch die Gesamtsterblichkeit relevant reduzierte, wohl aber zu gehäuften schwerwiegenden Blutungen führte.
.
Zuletzt erschien nun auch noch eine große Metanalyse zum Thema, also quasi eine riesige Studie, die 13 passende Studien zum Thema aufgearbeitet hat, darunter auch die eben besprochenen 3 Studien. Und man kommt zu dem Ergebnis, dass Aspirin zwar einen minimalen Nutzen hat, und in der Primärprävention, also bei bislang nicht erkrankten Menschen, Herz-Kreislauf-Komplikationen um absolut gesehen 0,38% reduzieren kann, dies aber auch wieder um den Preis vermehrter schwerwiegender, Blutungen, darunter auch Hirnblutungen.
.
Liebe Leserinnen und Leser, was machen wir jetzt daraus?
.
Ich denke, es gibt 2 wichtige Take-Home-Messages:
.
Wenn wir bereits erkrankt sind, also z.B. eine Koronare Herzkrankheit haben, vielleicht schon einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, dann sollten wir auf jeden Fall das Aspirin lebenslang einnehmen, da es in der sog. Sekundärprävention, also bei bereits erkrankten Menschen, hoch wirksam ist in der Verhinderung von erneuten Herzinfarkte und Schlaganfällen, das haben viele Studien gezeigt. Hier kann Aspirin also Komplikationen vermeiden und wirkt in dieser Situation tatsächlich lebensverlängernd! 
.
Wenn wir aber bislang gesund sind, dann können wir uns nach diesen Studien bestärkt fühlen, auf Aspirin als „Blutgefäßschutz“ zu verzichten, und uns lieber auf unseren Lebensstil, wie ausreichend Bewegung, eine kluge Ernährung und gutes Stressmanagement konzentrieren. Damit können wir nämlich Effekte in ganz anderen Größenordnungen für uns und unsere Gesundheit erreichen. Wenn Sie hier ein paar Anregungen brauchen, schauen Sie mal in meine Videos zum klugen, gesunden Lebensstil…
.
Nur ein Beispiel: Allein durch regelmäßige sportliche Aktivität können wir z.B. das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt halbieren, und das auch noch ohne gefürchtete Nebenwirkungen wie gefährliche Blutungen! Das schafft kein Medikament! 
.
.

Das könnte Sie auch interessieren:

Ernährung und Übergewicht:

Adipositas und Übergewicht
Die Adipositasepidemie
Vorsicht Diät!
Adipositas – verschiedene Erscheinungsformen
Adipositas Paradoxon

Nichtrauchen:

Raucherentwöhnung – allgemeines
So klappt der Rauchstopp
Tipps für den Rauchstopp
Rauchstopp Interview Fr. Dr. Wiedemann

Sport und Aktivität:

Gesund durch Sport und Bewegung

Bluthochdruck:

Blutdruck im Griff
Hypertonus – Bedeutung und Verbreitung
Hypertonus – Ursachen und Zielwerte

Fettstoffwechsel:

Cholesterin und Co.
gutes und schlechtes Cholesterin
Cholesterin senken

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Koronare Herzkrankheit:

Zuckerkrankheit und Koronare Herzkrankheit
Diabetes-mellitus-und-Koronare-Herzkrankheit – Wechselwirkungen
Was tun bei Diabetes und Koronarer Herzkrankheit?

Psychokardiologie:

Herz und Psyche
Herz und Stress
Herz und Stress – Stressmanagement

Übersicht:

Ziele und Zielwerte
zurück zum Hauptmenü