Kardiologie Highlights 2022

Hallo Ihr Lieben,

hier ein lockeres Übersichts-Video über die aus meiner Sicht wichtigsten und interessantesten Studien des letzten Jahres (höchst subjektive Auswahl meinerseits) und auch der Frage:

Was bedeuten die Ergebnisse für DICH?

Hier also meine persönliche Auswahl:

Beginnen möchte ich mit einer Studie, die uns Mediziner wenig bis gar nicht überrascht hat, die aber für die Gesundheit der Bevölkerung eine große Rolle spielen könnte. 

Es geht um das leidige Dauerthema der ungeliebten Statine im Vergleich zu den deutlich besser akzeptierten Nahrungsergänzungsmitteln. 

Sport-Studie 

niedrig dosiertes Rosuvastatin 5mg pro Tag 

  • vs. Placebo beziehungsweise 
  • vs. verschiedenen Nahrungsergänzungsmittel wie 
    • Fischöl
    • Zimt-Kapseln
    • Knoblauch-Kapseln
    • Kurkuma-Pulver
    • Pflanzenstyrol 
    • und rotem Reis getestet. 

Untersucht wurden 199 Patient*innen. Erwartungsgemäß sank nach 28 Tagen der LDL-Cholesterin Blutspiegel in der Statingruppe um 38 % wogegen eine signifikante LDL-Cholesterinsenkung bei allen getesteten Nahrungsergänzungsmitteln ausblieb!

Nebenwirkungen traten hingegen in allen Gruppen ähnlich oft auf. Im Gegenteil und in manchen Nahrungsergänzungsmitteln traten sogar teils mehr Komplikationen auf, als unter der Statintherapie.

Ich denke diese Studie ist extrem wichtig und sollte in das öffentliche Bewusstsein zementiert werden. Nahrungsergänzungsmittel werden aus eigenen Mitteln finanziert und häufig unkritisch eingenommen, obwohl sie, wie nun gesehen, keine statistisch signifikante Wirkung in Bezug auf unseren LDL-Cholesterinspiegel haben und Statine nicht nur sehr gut das LDL-Cholesterin senken und damit wie in vielen Studien gesehen, auch Herzkreislauf-Komplikation verhindern können, sondern zumindest in der hier gezeigten niedrigen Rosuvastatindosis auch extrem gut verträglich sind. 

Also take home message aus dieser wichtigen Studie: Im Ggs. zu Rosuvastatin haben NEM weder eine verlässliche LDL-senkende Wirkung noch sind sie besser verträglich, kosten aber viel Geld…

Eine weitere, wie ich finde sehr bemerkenswerte Studie mit negativen Ausgang ist die Revived Studie, die, wie schon einige Studien zuvor für erneute Enttäuschung im Lager der so genannten interventionellen Kardiologen gesorgt haben, dürfte 

Untersucht wurde, ob die so genannte ischämische Kardiomyopathie, also eine Herzschwäche, eine Pumpleistungschwäche der linken Herzkammer aufgrund einer koronaren Herzkrankheit, also einer Durchblutungsstörung, ob diese sogenannte ischämische Kardiomyopathie sich durch eine Revaskularisation mittels einer Herzkatheteruntersuchung und Implantation von Stents  im Vergleich zu einer optimalen Behandlung mit Medikamenten verbessern lässt. 

700 Patienten mit einer deutlich eingeschränkten Pumpleistung wurden entweder mit einer Stent Behandlung oder eben optimal medikamentös behandelt und was soll ich sagen?!

Nach dreieinhalb Jahren zeigte sich kein signifikanter Unterschied bezüglich 

  • Auftretens Von Tod 
  • bzw. notwendigen Krankenhausaufnahmen wegen einer Dekompensation der Herzschwäche 
  • auch eine Verbesserung der Pumpleistung unter der Stentbehandlung liess sich nicht nachweisen.

Dies unterstreicht in meinen Augen erneut, dass die Herzkathetertherapie mit Ballons und Stents, die unbestritten im akuten Herzinfarkt, also, wenn eine Arterie komplett verschlossen ist, Leben retten kann beziehungsweise zumindest auch Lebensqualität erhält, in dem sie die Entwicklung einer Herzschwäche vermeidet, außerhalb eines solchen Akutereignisses keinen prognostischen Vorteil bietet gegenüber der von mir ja immer propagierten Verbesserung des Lebensstils, der die Ursachen der Koronaren Herzkrankheit angeht und einer optimalen Behandlung mit Medikamenten.

take home message:

Ja, im akuten Herzinfarkt sind Stents ein Segen, deshalb solltest du auch bei typischen Beschwerden niemals zögern, sofort die 112 zu wählen. Aber was das dauerhafte Aufhalten deiner Erkrankung angeht, zählt die konsequente Lebensstilverbesserung!

Jetzt aber wieder zu einer Studie mit positiven Ausgang, die mich sehr gefreut hat. 

Es geht nämlich um die so genannte Poly-Pille, also eine Tablette, die gleich mehrere Wirkstoffe kombiniert und damit die Einnahmetreue, um die es leider nicht so gut bestellt ist, verbessern soll. 

In der so genannten SECURE Studie wurde eine Kombinationstablette, bestehend aus 

  • dem Blutplättchenhemmer ASS, 
  • dem Blutdrucksenker Ramipril 
  • und dem Cholesterinsenker Atorvastatin 

bei Menschen nach einem erlittenen Herzinfarkt untersucht. Insgesamt wurden 2499 Herzinfarkt- Patienten auf zwei Gruppen aufgeteilt, die entweder die Polypille mit der genannten Wirkstoffen in Kombination erhielt beziehungsweise die Einzelsubstanzen in einzelnen Tabletten. 

Nach drei Jahren zeigt sich eine Reduktion des sog. primären, Studienendpunktes (cv-Tod, nt HI oder stroke sowie Notfall HKT) um 24% im Vergleich zur Standard Behandlung durch die Polypille! Der Herz-Kreislauf-Tod wurde sogar um 33% gesenkt!

Das also ein tolles Ergebnis, was letztlich bedeutet, dass durch eine Vereinfachung der Behandlung durch eine Reduktion der Medikamentenlast tatsächlich auch Menschenleben gerettet werden können. 

Noch ist nicht ganz klar, welche Mechanismen dem gezeigten Vorteil der Polypille-Strategie zugrunde liegen: Bezüglich der Blutdruck- und Cholesterinwerte gab es jedenfalls keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe.

take home message:

  • bei gutem Vertragen und fester Dosis der Einzelwirkstoffe 
  • schau dass du kombinierst ..

Ausblick: Unter uns gesagt, ich bin mir sicher, dass wir in 5-10 Jahren ohnehin wahrscheinlich noch ein bis zwei für uns individuell aus dem 3-D Drucker zusammengestellte Tabletten mit all den für uns notwendigen Wirkstoffen, in der für uns richtigen Dosierung per Handy an der Apotheke unseres Vertrauens vorbestellen können und uns dann frisch mit 3-D Drucker ausdrucken lassen werden können.

 

Blutdrucksenker: Der Einnahmezeitpunkt ist egal!

Darüber, ob Patientinnen und Patienten mit Hypertonie ihre Blutdrucksenker besser am Abend statt morgens einnehmen sollten, ist viel diskutiert worden. Einige schien für die abendliche Einnahme zu sprechen.

Die TIME-Studie (The Treatment in Morning versus Evening (TIME) study) stellt nun klar: Der Einnahmezeitpunkt macht keinen Unterschied! In dieser großen randomisierten Studie hatte der Zeitpunkt der Medikamenteneinnahme keinen Einfluss auf kardiovaskulärer Ereignisse.

take home: Du kannst deine Blutdruckmedikamente einnehmen, wenn es dir passt, wichtig die Regelmäßigkeit …

 

Erfolgsserie mit SGLT2-Hemmern bei Herzinsuffizienz setzt sich fort

Herzinsuffizienz. Bei dieser Indikation konnten SGLT2-Hemmer auch 2022 wieder mit Erfolgen ihren Stellenwert als neue Komponente der Standardtherapie bei dieser Indikation untermauern. In der DELIVER-Studie hat nun auch Dapagliflozin als zweiter SGLT2-Hemmer nach Empagliflozin seinen klinischen Nutzen bei Patienten mit Herzinsuffizienz und linksventrikulärer Auswurffraktion > 40% unter Beweis gestellt.

Die Inzidenz der Ereignisse kardiovaskulärer Tod oder klinische Herzinsuffizienz- Verschlechterung (primärer kombinierter Endpunkt) wurde durch Dapagliflozin signifikant um 18% im Vergleich zu Placebo reduziert (Inzidenz: 16,4% vs. 19,5%; Hazard Ratio: 0,82; 95%-KI: 0,73 – 0,92; p<0,001). Ausschlaggebend dafür war eine signifikante relative Reduktion von Herzinsuffizienz-Verschlechterungen (überwiegend Hospitalisierungen wegen Herzinsuffizienz) um 21% durch Dapagliflozin (11,8% vs. 14,5%; HR: 0,79; 95%-KI: 0,65 – 0,92).

take home:

SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin oder Dapagliflozin als grundlegende Basis-Therapie bei praktisch allen Patienten mit Herzinsuffizienz 

 

Eine weitere wichtige Studie zur Herzschwäche ist die STRONG-HF-Studie 

In den letzten Jahren haben sich Experten für Herzinsuffizienz für eine gleichzeitige Einleitung und rasche Titration der leitliniengerechten Medikamente (big four) eingesetzt. Beobachtungsdaten zeigen, dass die vollständige Therapie in mehreren Gesundheitssystemen nur schleppend angenommen wird. Und diese Trägheit geht mit schlechteren Ergebnissen einher.

An der STRONG-HF-Studie nahmen etwa 1600 Patienten mit akuter Herzinsuffizienz in 14 Ländern teil. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip einer hochintensiven Gruppe zugeteilt, die eine aggressive Aufstockung der Herzinsuffizienzmedikamente bei vier Besuchen (beim Kardiologen) in den ersten sechs Wochen nach der Aufnahme gegenüber einer Gruppe mit Standardbehandlung vorsah.

Bei den Patienten in der hochintensiven Gruppe wurde eine statistisch signifikante Verringerung des primären Endpunkts (Wiederaufnahme wegen Herzinsuffizienz oder Tod) um 34 % erreicht. 

take home message: Wenn du von einer Herzschwäche betroffen bist, sei hinterher, dass du deine lebensverlängernden Medikamente bekommst und diese auch zügig in Absprache mit deinem Kardiologen an die Zieldosen angepasst werden!

Auch das rettet Menschenleben!

 

Eine weitere interessante Studie zum Thema “Arteriosklerose rückgängig machen?” und der Art und Weise wie eine ausgeprägte LDL-Senkung vor CV-Ereignissen schützt ist die PACMAN-AMI-Studie 

  • 300 Patienten mit akutem Myokardinfarkt 
  • Die Patienten wurden nach Leitlinie versorgt. 
  • 2 Gruppen 20 mg Rosuvastatin 
  • plus die Hälfte der Patienten zusätzlich 150 mg Alirocumab alle zwei Wochen, das ganze über ein komplettes Jahr.

Primärer Endpunkt war die mit intravaskulärem Ultraschall (IVUS) gemessene Veränderung des Plaquevolumens bis Woche 52. Sekundär wurden mittels Nahinfrarotspektroskopie (NIRS) die Veränderung im  Lipidgehalt gemessen, außerdem mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) die Dicke der fibrösen Kappe

Erwartungsgemäß unterschied sich nach einem Jahr Behandlung das LDL-Cholesterin deutlich zwischen den beiden Gruppen. 

  • Während in der Rosuvastatin/Placebo-Gruppe der LDL-Wert von im Mittel 152,8 mg/dl auf 74,4 mg/dl gesenkt wurde, 
  • waren es bei zusätzlicher Gabe von Alirocumab nur noch 23,6 mg/dl. 
  • Dies spiegelte sich in klaren Vorteilen für die Alirocumab-Gruppe in allen drei Bildgebungs-Endpunkten wider: Das mittlere Plaquevolumen nahm um 2,13 % ab, gegenüber 0,92 % in der Placebogruppe (p<0,001), bzw. das Gesamtvolumen um 26,12 mm³ gegenüber 14,97 mm³ (p<0,001). 
  • Der Lipidgehalt im NIRS, gemessen mit dem Lipid Core Burden Index, nahm signifikant stärker ab, 
  • und die Dicke der fibrösen Kappe nahm unter Alirocumab stärker zu. 

take home:

    • Ausgeprägte LDL-Senkung wichtig für die Plaquestabilisierung
    • und damit für die Vermeidung erneuter Plaquerupturen mit Infarkt
  • > zusätzliche Motivation LDL-C in den Zielbereich zu bekommen!

 

So ihr Lieben,

Schließen möchte ich mit einem Blick in die Zukunft, die 2022 allerdings schon Realität geworden zu sein scheint. Es geht um das spektakuläre Thema “Impfen gegen Herzinfarkt” 

In einem vorausgegangen Video und in meinem schönen, handverlesene Newsletter, den ich euch an dieser Stelle wärmstens ans Herz legen will und zu dem ihr euch hier unten einschreiben könnt, hatte ich bereits davon berichtet, dass es Forschern beim Makaken-Affen bereits gelungen war, durch eine spezielle Gen-Therapie nämlich, dem so genannten Base Editing des sogenannten PCSK 9 Gens, welches eine wichtige Rolle im Cholesterin Stoffwechsel spielt, eine drastische andauernde Reduktion des LDL-Cholesterins zu erreichen. Dies würde einhergehen mit einer drastisch reduzierten Arteriosklerose und damit auch Herzinfarkt beziehungsweise Schlaganfall Risiko mittels einer einmaligen Behandlung. 

Jetzt schnallt euch an:

Im Juli 2022 gab die Firma Verve Therapeutics bekannt einen Menschen mit angeborener heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie (HeFH) mit einem solchen Verfahren behandelt zu haben!

VERVE-101, ist als einmalige Behandlung konzipiert und soll das PCSK9-Gen in der Leber dauerhaft ausschalten, um das krankheitsfördernde Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin (LDL-C) zu senken.

Das Unternehmen hofft, VERVE-101 eines Tages zur Behandlung aller atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Ganzes und sogar als präventiven Schritt vor dem Ausbruch einer Herzerkrankung einsetzen zu können.

Also extrem spannend, was da gerade so alles passiert, nicht nur im Bereich der Gentherapie, sondern insgesamt in den verschiedensten Forschungsbereichen. 

Ich werde dich (vorausgesetzt abonniert! 😉) auf jeden Fall mit weiteren Videos zu der Zukunft und den spannendsten Entwicklungen in der Medizin auf dem Laufenden halten. 

Vergiss auf jeden Fall ich dich zu meinem Newsletter einzuschreiben und empfehle das Video sehr gerne weiter an andere Menschen, die es interessieren könnte. 

Mir bleibt jetzt nur dir ein wunderschönes 2023 zu wünschen. 

 

Bis dahin mach’s gut

dein Dr. Heart



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