Marathon und Co. – Gefahr für unser Herz?

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

ich habe einen Kumpel, der läuft Extrem-Marathons mit Strecken von bis zu 70km! Jetzt mal unter uns: Kann das noch gesund sein?

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Ursprung des Marathons? Der athenische Bote Pheidippides soll von der Schlacht bei Marathon mit einem Hilfeersuchen nach Sparta eine Entfernung von etwa 42 km gelaufen sein. Die Tatsache, dass er kurz nach Übermittlung der Nachricht an Erschöpfung verstarb lässt uns schon unschwer den Schluss ziehen, dass es wohl auch beim Sport ein Zuviel des Guten geben kann.

Grundsätzlich ist es natürlich so, dass wir Ärztinnen und Ärzte Sport und Bewegung unisono empfehlen. Ich glaube ich verrate Ihnen allen nichts neues wenn ich Ihnen sage, dass Sport bzw. körperliche Aktivität, zu dem besten gehört was wir für unsere Gesundheit tun können. Auch wenn das Risiko eine Komplikation wie z.B. einen Herzinfarkt o.ä. zu erleiden direkt beim Sport kurzfristig etwas erhöht ist so überwiegt doch insgesamt der Schutzeffekt von Sport bei weitem. Und deshalb empfehlen ja auch alle Fachgesellschaften unisono sportliche Aktivität von min. 5 x 30 Minuten pro Woche, bestenfalls ergänzt durch ein Ganzkörperkrafttraining 2x pro Woche. 

Allerdings ist da das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Der optimale erreichbare Gesundheits-Effekt scheint nach den Ergebnissen einer 2011 im renommierten Fachjournal Lancet publizierten Studie bei ca. 90 min. tgl. körperlicher Aktivität mit einer zu erreichenden Mortalitätsreduktion von 35% zu liegen.

Gibt es denn nun aber auch ein „too much of a good thing“, können wir uns also mit Sport tatsächlich auch schaden?

Die Diskussion um möglicherweise schädliche Auswirkungen von extrem betriebenem Ausdauersport hat nun in den letzten Jahren richtig Fahrt aufgenommen, seit dem mehrere Studien zeigen konnten, dass es unter Ausdauersportlern mit teils extremen Traininspensen häufiger zu Verkalkungen der Herzkranzarterien kommt und dass auch häufiger Vernarbungen im Herzmuskel, sog. Fibrosen, vorgefunden worden sind.

Ist Sport also doch Mord?

Nein, wie so oft im Leben lohnt es sich genauer hinzuschauen.

Es stimmt zwar, dass sich bei sportlich sehr aktiven Menschen wie etwa Marathonläufern etwas häufiger Kalk in den Herzkranzgefäßen ausbildet. Das hat aber nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft keinen negativen Einfluss auf das Sterberisiko. In einer aktuellen Studie hatten besonders sportlich aktive Menschen ein relativ um 11%  erhöhtes Risiko für einen erhöhten Koronarkalkgehalt.

Aber: Die aktivsten Teilnehmer hatten, unabhängig vom Koronarkalk, das niedrigste Sterberisiko.

Eine mögliche Erklärung hierfür ist, dass die Zusammensetzung der arteriosklerotischen Ablagerungen ganz entscheidend dafür ist, ob es zu Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall kommt. Gefährlich sind ja v.a. Ablagerungen, also Plaques,  die aus einem großen flüssigen bis weichen Fettkern und einer nur sehr dünnen darüber liegenden stabilisierenden Plaquekappe bestehen. Wir wissen ja, dass v.a. Plaques mit einer nur dünnen stabilisierenden Plaquekappe eher aufreissen und einen Infarkt verursachen können.

Interessanterweise wurden bei den Ausdauerathleten zwar mehr verkalkte, dafür aber  weniger unverkalkte und gemischte Plaques gefunden. Sprich es könnte sein, dass Ausdauersportler mit hohem Trainingspensum eher weniger komplikationsträchtige Ablagerungen mit einer „dickeren“ den Plaque stabilisierenden Plaquekappe ausbilden. Letztlich ist die Bedeutung dieser Beobachtung aber noch unklar.

So viel also zu den vermeintlich verkalkten Herzkranzgefäßen. Was hat es nun mit den beobachteten Vernarbungen auf sich?

In einer Studie aus dem Jahr 2012 konnten narbige Veränderungen in der rechten Herzkammer bei 5 von 40 Extremsportlern nachgewiesen werden.

Eine weitere Studie aus dem Jahr  2017 konnte eine Narbenbildung bei 14% aller untersuchten männlichen Marathonläufer feststellen.[i].

Letztlich ist die Ursache von Vernarbungen des Herzmuskels noch nicht abschließend geklärt, ob also die Kreislaufmehrbelastung, Ischämie oder vielleicht auch durchgemachte Myokarditiden die Ursache sind ist nicht klar. Letztlich und, das sei auch noch einmal klar gesagt, betreffen diese Veränderungen nur eine Minderheit der Sportler.

Den betroffenen Athleten wird v.a. empfohlen auf den Blutdruck unter Belastung zu achten und diesen bei wiederholt gemessenen zu hohen Blutdruckwerten auch medikamentös zu behandeln. Ein generelles Sportverbot wird aktuell nicht erteilt.

Auch wenn wir jetzt hier die vermeintlich negativen Folgen extremer sportlicher Belastung angesprochen haben so zeigen doch Langzeitstudien eindrucksvoll, dass Elite-Athleten insgesamt länger leben als die Normalbevölkerung! Das gilt z.B. auch für Olympiamedaillengewinner, und zwar am längsten in den Ausdauersportarten.

Selbst die (vermeintlich gedopten) Fahrer der Tour de France hatten eine um 41% geringere Mortalität.

Insgesamt zeigen Elite Athleten eine 33% geringere Mortalität im Vergleich zu Gleichaltrigen und der durchschnittliche Marathonläufer lebt statistisch gesehen ca. 5 Jahre länger als Otto Normalverbraucher… Also, es lohnt sich vielleicht doch sich zum Marathon anzumelden!

 

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

viele viele Daten und Fakten, was sollen wir denn nun mit nachhause nehmen?

Ich denke wichtig ist v.a. dass wir mitnehmen, dass insgesamt gesehen nicht Sport und Bewegung sondern im Gegenteil die körperliche Inaktivität der große Killer unserer Zeit ist! Sport und körperliche Aktivität sind zweifelsohne mit das Beste was wir für unsere Gesundheit tun können.

Mein Lieblingsbeispiel ist diese Studie die z.B. gezeigt hat, dass Menschen nach erlittenem Herzinfarkt allein durch tgl. körperliche Aktivität Ihr Risiko in den folgenden 4 Jahren zu versterben halbieren können, dass schafft kein Medikament…

Aber natürlich kann man Sport auch falsch anwenden. Riskant ist es nach meiner Erfahrung immer dann wenn sich ein übertriebener Ehrgeiz mit mangelnder Trainingsvorbereitung paart. Paradebeispiel ist der 50-jährige Manager, der sich zu Silvester vornimmt in 3 Monaten den Marathon zu laufen und der es verlernt hat auf seinen Körper zu hören und somit seinem antrainierten Körper in kurzer Zeit viel zu viel zumutet ohne auf ausreichende Pausen zu achten. Komplikationen sind dann natürlich vorprogrammiert…

Insofern ist es sicher sinnvoll sich bei sportlichen Aktivitäten und Intensitäten, die über das normale Maß des Gesundheitssport hinausgehen beim Spezialisten, z.B. in einem sportmedizinischen Zentrum vorzustellen, um gemeinsam einen individuell zugeschnittenen Trainingsplan zu erstellen und ggf. auch Kontrolluntersuchungen zu vereinbaren!

In diesem Sinne gut Sport!

 

Quellen:

Marijon E, Tafflet M. Antero-Jacquemin J et al. ortality of French participants in the Tour de France (1947–2012). Eur Heart J 2013; 34: 3145–3150

Möhlenkamp S, Lehmann N, Breuckmann F et al. Marathon Study Investigators; Heinz Nixdorf Recall Study Investigators. Running: the risk of coronary events: Prevalence and prognostic relevance of coronary atherosclerosis in mara-tho runners. Eur Heart J 2008; 29: 1903–1910

O‘Keefe JH, Patil HR, Lavie CJ et al. Potential adverse cardio- vascular effects from excessive endurance exercise. MayoClin Proc 2012; 87: 587–595 Scherr J, Braun S, Schuster T et al. 72-h kinetics of high-sen-sitive troponin T and inflammatory markers after marathon. Med Sci Sports Exerc 2011; 43: 1819–1827

Fotoquelle: Dan Maudsley creative commons on flickr, license: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/legalcode thanx!

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