Brustschmerzen

Von Dr. Stefan Waller, Internist und Kardiologe
Stefan Waller ist seit mehreren Jahren praktizierender Internist und Kardiologe und hat sich aus Leidenschaft der Vermittlung komplexer medizinischer Sachverhalte in möglichst einfacher und verständlicher Sprache gewidmet.

Erfahren Sie mehr über Dr. Heart
und sein Dr. Heart Projekt.
und Linda Weißer, Ärztin und Ernährungsberaterin
Linda Weißer ist approbierte Ärztin und leidenschaftliche Ernährungsberaterin, letzteres offline und online über ihren Blog alimonia.net.
Daneben ist Sie über die Charité Berlin angestellt als chief medical researcher für PAN, die "physicians' association for nutrition".

Wie gefährlich sind Brustschmerzen wirklich?

Wenn es in der Brust schmerzt, liegt der beängstigende Gedanke an einen Herzinfarkt nahe. Wann steckt wirklich eine gefährliche Ursache hinter den Beschwerden?

Liebe Leserinnen und Leser,

Brustschmerz ist ja ein sehr bedrohliches Gefühl, bei dem meistens erstmal alle unsere Alarmglocken läuten, weil man natürlich doch immer so diesen ängstlichen  Verdacht hat – könnte es nicht vielleicht auch etwas am Herzen, vielleicht sogar ein Herzinfarkt sein?! 

Doch was kann wirklich alles hinter Brustschmerzen stecken, und wie ernst sollten wir Brustschmerzen nehmen? Kann man harmlose von gefährlichen Ursachen unterscheiden? 

Keine Panik, das erfahren Sie in den nächsten Zeilen!

Die beruhigende Nachricht gleich mal vorne weg: Nur etwa 8-16% aller Ursachen von Brustschmerz lassen sich auf das Herz zurückführen! In den Fällen, in denen tatsächlich das Herz die Ursache der Brustschmerzen darstellt, ist die koronare Herzkrankheit, also die Durchblutungsstörung unseres Herzens, mit ca. 3/4 der Fälle (ca. 76%) am häufigsten vertreten. Und nur in wiederum deutlich weniger als 1/4 dieser Fälle steckt dann tatsächlich ein potentiell lebensbedrohlicher Herzinfarkt hinter den Beschwerden. 

Rein zahlenmäßig ist der Herzinfarkt also eher weniger häufig die Ursache der Beschwerden, allerdings ist es natürlich extrem wichtig diesen rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu reagieren, doch dazu später mehr.

Sehr viel häufiger und in den meisten Fällen deutlich weniger bedrohlich sind nicht-herzbedingte Ursachen die „Übeltäter“ in puncto schmerzender Brust, allen voran unser Bewegungsapparat. 

Was sind harmlose Ursachen von Brustschmerzen?

Den meisten Fällen von Brustschmerzen liegt nämlich ein sogenanntes „Brustwandsyndrom“ zugrunde. 

Was ist denn nun ein Brustwandsyndrom?

Das Brustwandsyndrom zeichnet sich durch harmlose Brustschmerzen aus, die vor allem durch Verspannungen der Brustmuskulatur ausgelöst werden. Für ein Brustwandsyndrom sprechen z.B. Muskelverspannungen, die auf einen umschriebenen Bereich oder einen Punkt begrenzt sind, und auch Schmerzen, die durch Druck auf diesen Bereich ausgelöst werden können. Auch Schmerzen, die nicht im Zusammenhang mit einer körperlichen Belastung auftreten, sondern eher durch den Wechsel der Körperhaltung oder eine konkrete Bewegung entstehen, sind eher als harmlos einzuordnen. 

Manchmal sind auch die Nerven, die zwischen den Rippen verlaufen, gereizt und „melden“ sich auf diese Weise zu Wort. Eine solche Intercostalneuralgie kann messerscharfe ziehende, gürtelförmige Schmerz im Brust- oder Rückenbereich hervorrufen, die sich durch Husten oder Pressen noch verstärken lassen. Der Intercostalneuralgie können verschiedene Ursachen zugrunde liegen, meist sind es ganz einfach Nervenreizungen durch altersbedingte Wirbelsäulenveränderungen oder auch entzündliche Veränderungen wie z.B. ein Herpes zoster, also eine Gürtelrose.

Neben unserem Herzen liegt natürlich auch die Lunge in unserem Brustkorb und kann demnach natürlich auch Beschwerden in diesem Bereich verursachen, z.B. im Rahmen einer schweren Bronchitis oder einer Lungenentzündung.

Auch unsere Speiseröhre läuft durch den Brustraum, und hier ist Sodbrennen ein häufiges Problem, das sogar manchmal mit einem Herzinfarkt verwechselt werden kann, genauso wie eine Magenschleimhautentzündung. 

Und last but not least kann uns auch die Psyche einen Streich spielen: Panik– und Angststörungen können einem sprichwörtlich die Luft zum Atmen nehmen und sogar ein Enge- oder schmerzendes Gefühl in der Brust hervorrufen. 

Ok, halten wir also schon einmal fest, dass zum Glück viel häufiger eher harmlose Erkrankungen die Ursache von Brustschmerzen sind. Aber: Es gibt natürlich auch ein paar wenige, tatsächlich lebensbedrohliche Erkrankungen, die nicht übersehen werden dürfen und die ohne Zeitverzug rasch behandelt werden müssen.

Wann sind Brustschmerzen lebensbedrohlich?

Hierzu gehören neben dem schon angesprochenen Herzinfarkt, die Lungenembolie,  daneben ein plötzlicher „Einriss“ in der Hauptschlagader, der sog. Aorta, was man als Aortendissektion bezeichnet, eine zusammengefallene Lunge, der sog. Pneumothorax oder auch eine Entzündung des Herzmuskels, bzw. des Herzbeutels.

Bei diesen bedrohlicheren Erkrankungen kommt es häufig auch zu Kreislaufproblemen und weiteren begleitenden Beschwerden und Warnsymptomen. Vielleicht haben Sie das Gefühl, ohnmächtig zu werden, oder Sie bemerken „kalten Schweiß“, d.h. Sie schwitzen, aber ihre Haut ist gleichzeitig eiskalt, denn durch den Stress ziehen sich die Gefäße in der Haut zusammen. 

Sehr häufig besteht auch Atemnot oder eine beschleunigte Atemfrequenz, obwohl Sie vielleicht gerade nur ganz ruhig dasitzen oder liegen. Und auch eine plötzliche, ausgeprägte Angst kann Ihnen signalisieren, dass tatsächlich etwas nicht stimmt, auch wenn diese natürlich auch im Rahmen einer Panikattacke auftreten kann. 

Wenn derartige Beschwerden bei Ihnen auftreten müssen Sie natürlich den Notruf wählen und die Beschwerden schnellstmöglich abklären lassen.

Wie kann man einen harmlosen von einem gefährlichen Brustschmerz unterscheiden? 

Ganz ehrlich: Als Laie ist es oft nicht sicher möglich diese beiden Formen des Brustschmerzes zu unterscheiden und auch uns Ärzten gelingt dies oft erst nach einigen weiterführenden Untersuchungen. Daher gilt, wie gerade schon gesagt: Im Zweifel den Notarzt alarmieren. Es gibt aber einige Hinweise und Konstellationen, die eine gefährlichere Ursache der Beschwerden wahrscheinlicher machen.

Für eine Durchblutungsstörung des Herzens, also eine Koronare Herzkrankheit als Ursache der Beschwerden, spricht z.B. ein Lebensalter von >55 Jahren,  eine bereits bekannte Gefäßerkrankung wie z.B. eine Durchblutungsstörung der Beine, die sog. paVK, die ja auf eine fortgeschrittene Arterienverkalkung auch in anderen Bereichen im Körper hinweist, oder weitere schon vorhandene Risikoerkrankungen wie die Zuckerkrankheit. 

Auch die Art und die Auslösefaktoren der Beschwerden können wichtige Hinweise liefern. Wenn die Beschwerden bei vermehrter körperlicher Belastung auftreten bzw. bei Belastung stärker werden, wenn Sie den Schmerz nicht durch Druck oder Abtasten des Brustkorbs hervorrufen können, und wenn der Schmerz hinter dem Brustbein sitzt, spricht das z.B. eher für das Herz als Ursprung der Beschwerden. 

Bei der ebenfalls potenziell lebensbedrohlichen Lungenembolie, bei der ja eine Lungenarterie durch ein aus den Bein- oder Beckenvenen stammendes Blutgerinnsel verstopft wird, wird der Brustschmerz häufig als atemabhängig beschrieben, und es besteht meist Luftnot und eine beschleunigte Atmung.

Ein Einriss der Hauptschlagader, die sog. Aortendissektion, äussert sich meist durch heftigste Schmerzen zwischen den Schulterblättern und ist zum Glück eine sehr viel seltenere Ursache der Beschwerden.

Liebe Leserinnen und Leser,

ich hoffe, ich habe Sie jetzt mit diesen vielen Erkrankungen nicht komplett verwirrt.

Fakt ist, dass die meisten Fälle von Brustschmerzen tatsächlich eher harmlos sind. Oft stecken harmlose Muskelverspannungen des Brustkorbs dahinter. 

Wichtig ist aber unter diesen vielen harmloseren Ursachen die wenigen, aber dafür sehr gefährlichen Erkrankungen nicht zu übersehen, weil diese eben potenziell lebensbedrohlich sein können.

Aufhorchen sollte man daher immer, wenn begleitende Risikokonstellationen vorliegen, wie z.B. ein fortgeschrittenes Alter oder schon bekannte Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Auch Begleitsymptome wie Atemnot, kalter Schweiß, Kreislaufprobleme, Ohnmachtsgefühl oder Todesangst sollten Ihre Alarmglocken läuten lassen. 

Und natürlich gilt hier wie immer: Für den Laien kann es oftmals unmöglich sein harmlose von gefährlichen Ursachen der Beschwerden zu unterscheiden, daher im Zweifel schnellstens ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und den Notruf unter der europaweiten 112 wählen!

.

.

.

das könnte Sie auch interessieren:

Ernährung und Übergewicht:

Adipositas und Übergewicht
Die Adipositasepidemie
Vorsicht Diät!
Adipositas – verschiedene Erscheinungsformen
Adipositas Paradoxon

Nichtrauchen:

Raucherentwöhnung – allgemeines
So klappt der Rauchstopp
Tipps für den Rauchstopp
Rauchstopp Interview Fr. Dr. Wiedemann

Sport und Aktivität:

Gesund durch Sport und Bewegung

Bluthochdruck:

Blutdruck im Griff
Hypertonus – Bedeutung und Verbreitung
Hypertonus – Ursachen und Zielwerte

Fettstoffwechsel:

Cholesterin und Co.
gutes und schlechtes Cholesterin
Cholesterin senken

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Koronare Herzkrankheit:

Zuckerkrankheit und Koronare Herzkrankheit
Diabetes-mellitus-und-Koronare-Herzkrankheit – Wechselwirkungen
Was tun bei Diabetes und Koronarer Herzkrankheit?

Psychokardiologie:

Herz und Psyche
Herz und Stress
Herz und Stress – Stressmanagement

Übersicht:

Ziele und Zielwerte
zurück zum Hauptmenü