Blutdruck richtig interpretieren

Wie interpretiere ich meine Blutdruckwerte richtig?

Den Blutdruck ordnungsgemäß zu messen ist der erste Schritt der Blutdruckeinstellung. Doch was fange ich mit den Messwerten an? Wo beginnt der Hochdruck?

Liebe LeserInnen,

der Bluthochdruck ist der wichtigste Risikofaktor, also der größte „Killer“ weltweit, und wie wir schon besprochen haben, können Sie mit einfachsten Mitteln viele Lebensjahre bei bester Gesundheit auf diesem schönen Planeten hinzugewinnen, wenn Sie sich einfach nur Ihr Leben lang um eine gute Blutdruckeinstellung kümmern. Im vorangegangenen Video haben wir besprochen, wie Sie den Blutdruck richtig messen, heute geht es darum, was Sie mit den gemessenen Werten anfangen können, und was die häufigsten Fehler sind, die bei der Beurteilung der Blutdruckwerte gemacht werden.

Zunächst: Ab wann spricht man überhaupt von einem Bluthochdruck?

Allgemein sollten Sie sich in jedem Fall merken, dass man ab einem Blutdruck von 140/90 mmHg von einem Bluthochdruck spricht. Heißt das jetzt, dass ich einen Bluthochdruck habe, wenn ich einmalig einen Wert über 140/90 mmHg messe?

Nein, natürlich nicht, ein einmalig gemessener Blutdruckwert macht noch nicht die „Diagnose Bluthochdruck“! Denn: Der Blutdruck ist eine sehr dynamische, also wechselhafte Größe, denn er reagiert auf verschiedenste körperliche und psychische Belastungssituationen ganz natürlicherweise mit einem Anstieg, ohne dass dies krankhaft oder behandlungsbedürftig wäre. Wenn Sie sich gerade über Ihren Partner geärgert haben, der trotz wiederholter Aufforderung schon wieder Ihr romantisches Candlelightdinner vergessen hat, dann ist ein erhöhter Blutdruck bis zu einem gewissen Grad eine normale Reaktion Ihres gesunden Herz-Kreislauf-Systems. Auch Genussmittel wie z.B. Koffein, Alkohol oder Nikotinnnen Ihre Blutdruckwerte beeinflussen.

Ob bei Ihnen also tatsächlich ein Bluthochdruck vorliegt, sollte über eine wiederholte Blutdruckmessung an beiden Armen ermittelt werden. Für die eindeutige Diagnose ist eine dreimalige Messung an drei unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Tageszeiten jeweils an beiden Armen erforderlich!

Wenn Sie selber häufiger Ihren Blutdruck messen, was empfehlenswert ist, sollten Sie Ihre Werte dokumentieren und schließlich einen Mittelwert ermitteln. Dieser aus vielen Einzelmessungen errechnete Mittelwert sollte unter 135/85 mmHg liegen.

Sehr praktisch ist auch die Verwendung von Blutdruck-Apps wie z.B. blutdruckdaten.de, die Ihnen, oft sogar kostenlos, bei der Dokumentation Ihrer Werte helfen und eine schöne graphische Übersicht als pdf für Ihren Arzt erzeugen können, mit der Ihr Arzt mit einem Blick erkennen kann, ob Ihr Blutdruck gut eingestellt ist.

Noch besser ist im Zweifel die Bestimmung des Blutdruck-Mittelwerts über eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, bei der eine regelmäßige Messung auch während der Nachtruhe erfolgt, während der Sie ja logischerweise nicht selber Blutdruck messen können. Hierbei kann dann auch festgestellt werden, ob es nachts zu der natürlicherweise vorhandenen Absenkung Ihres Blutdrucks kommt. Bei der 24-Std.-Blutdruckmessung, die Sie bei Ihrem Internisten durchführen lassen können, wird bereits ab durchschnittlichen Werten von ≥ 130/80 mmHg in der Gesamtauswertung von einem Bluthochdruck gesprochen.

Wir fassen also zusammen: Der allgemeine Zielwert für die Senkung des Blutdrucks ist <140/90 mmHg bzw. <135/85 mmHg für den errechneten Mittelwert aus vielen Einzelmessungen und <130/80 mmHg für den Mittelwert aus der 24-Stunden Blutdruckmessung, die Sie bei Ihrem Arzt durchführen lassen können. Werte über 140/90 ergeben dann in systolischen 20er und diastolischen 10er Schritten die verschiedenen Stadien der Hypertonie, wie Sie das hier schön erkennen können:

Die Blutdruckwerte im Überblick:

Allgemeiner Zielwert:<140/90 mmHg
Mittelwert aus Einzelmessungen:<135/85 mmHg
Mittelwert 24-Stunden-Messung:<130/80 mmHg
Hypertonie °I:140/90-159/99 mmHg
Hypertonie °II:160/100-179/109 mmHg
Hypertonie °III:>180/110 mmHg

 
Könnte also alles ganz einfach sein. ABER: Bestimmt hat die eine oder der andere von Ihnen schon gehört, dass vor kurzem, quasi über Nacht, 32 Millionen US-Amerikaner zu Bluthochdruckpatienten geworden sind! Was ist passiert? Die amerikanischen Fachgesellschaften haben Ihre Zielwerte nach unten korrigiert und definieren nun einen Blutdruck ab 130/80 mmHg als Bluthochdruck. Dies ist eine Reaktion auf die amerikanische SPRINT-Studie.

Die hatte nämlich ergeben, dass eine intensivere Blutdrucksenkung unter einen systolischen Zielwert von unter 120 mmHg Patienten besser vor Herz-Kreislauf-Komplikationen und Todesfällen schützt, als die gängige Senkung des Blutdrucks unter 140 mmHg. Warum übernehmen also wir Europäer nicht auch die neuen Zielwerte wenn es doch neue Studienergebnisse gibt?

Die genannte SPRINT-Studie wird leidenschaftlich diskutiert, da die Art der Blutdruckmessung anders war als in vorausgegangenen Studien. Diese erfolgte nämlich nach einer fünfminütigen Ruhephase automatisch und v.a. ohne Beaufsichtigung durch ärztliches oder nichtärztlichen Personal. Dadurch fällt natürlich der sogenannte „Weißkitteleffekt“ weg, sprich die Tatsache, dass der Blutdruck oft höher gemessen wird, wenn die attraktive Arzthelferin oder der Arzthelfer den Blutdruck misst. Somit sind also die Blutdruckwerte in der SPRINT-Studie quasi systematisch niedriger als in der realen Welt und in den anderen Vergleichsstudien gemessen worden und man vergleicht quasi Äpfel mit Birnen. Deshalb wird also hier in Europa bislang eine Umstellung oder Anpassung unserer Zielwerte abgelehnt. Ein kleines Zugeständnis an die SPRINT-Studie gibt es allerdings schon: Für bestimmte Hochrisikopatienten, also Patienten mit bestimmten Herz-Kreislauf- Vorerkrankungen wird nun ein Zielblutdruckwert von <135/85 mmHg angestrebt.

Also, Sie sehen schon, ein ewiges Hin und Her. Gut möglich, dass es in Zukunft wieder neue Zielwerte geben wird. Aber eines ist auch ganz klar: Entscheidend ist v.a. den Bluthochdruck als gefährlichen Killer überhaupt richtig ernst zu nehmen und konsequent einzustellen. Aktuell wird in Deutschland selbst der moderate Zielblutdruck von <140/90 mmHg gegenwärtig nur von weniger als 60% der Patienten mit Bluthochdruck erreicht!

Wenn wir also unsere aktuellen europäischen Blutdruckzielwerte konsequent anstreben und erreichen würden, dann könnten wir einen Großteil unserer großen Volkserkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Co verhindern. Leider sind wir, was die optimale Blutdruckeinstellung unserer Bevölkerung angeht, noch weit von unseren Zielen entfernt, und deshalb spreche ich ja nun auch gerade zu Ihnen, damit Sie von jetzt an Ihren Blutdruck lebenslang hübsch unter Kontrolle halten und somit nicht nur viele Jahre länger, sondern auch besser leben. 😉

 

Literatur

https://www.hochdruckliga.de/richtig-blutdruck-messen.html; abgerufen am 21.8.17

https://www.hochdruckliga.de/tl_files/content/dhl/journal-by-fax/nr6_2008.htm; abgerufen am 21.8.17

 

das könnte Sie auch interessieren:

Ernährung und Übergewicht:

Adipositas und Übergewicht
Die Adipositasepidemie
Vorsicht Diät!
Adipositas – verschiedene Erscheinungsformen
Adipositas Paradoxon

Nichtrauchen:

Raucherentwöhnung – allgemeines
So klappt der Rauchstopp
Tipps für den Rauchstopp
Rauchstopp Interview Fr. Dr. Wiedemann

Sport und Aktivität:

Gesund durch Sport und Bewegung

Bluthochdruck:

Blutdruck im Griff
Hypertonus – Bedeutung und Verbreitung
Hypertonus – Ursachen und Zielwerte

Fettstoffwechsel:

Cholesterin und Co.
gutes und schlechtes Cholesterin
Cholesterin senken

Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Koronare Herzkrankheit:

Zuckerkrankheit und Koronare Herzkrankheit
Diabetes-mellitus-und-Koronare-Herzkrankheit – Wechselwirkungen
Was tun bei Diabetes und Koronarer Herzkrankheit?

Psychokardiologie:

Herz und Psyche
Herz und Stress
Herz und Stress – Stressmanagement

Übersicht:

Ziele und Zielwerte
zurück zum Hauptmenü